Sansli

Ein Jahr Lebensgemeinschaft

Vor einem Jahr bin ich doch sehr leichtgläubig und unbedarft in Wien mit meinem Türken im Gepäck gelandet. Gott sei Dank nichtsahnend, dass ich am Ende Hundemama sein werde & was es bedeutet, für einen Hund verantwortlich zu sein.

Neben anfänglichen Katastrophen und einem doch sehr schnellen Entschluss, mein Baby gehört zu mir, hat das Abenteuer begonnen.

Meine Bilanz:

+) Arbeit, Wohnung ohne Garten und Hund sind vereinbar. Wenn das Einkommen erlaubt, 260 EUR pm für einen Hort zu zahlen

-/+) Unter der Woche muss ich um 5:30 aufstehen, um Gassirunde, Umweg & rechtzeitigen Arbeitsantritt unter einen Hut zu bekommen…
Man hat vom Tag/ Wochenende sehr viel mehr, denn auch Sa/So schlafe ich nicht sehr viel länger als 8:00 Uhr

Betreuung nahe meiner Arbeit gäbe es, ist aber keine Option, da mein Bub so ziemlich jeden Zaun überwinden kann und nach nur 15 Minuten aus DogCity Asten geflüchtet und anschließend geflogen ist. So pendle ich jeden Tag Urfahr – Leonding – Enns – Leonding – Urfahr und muss fluchtartig um spätestens 18:20 das Büro verlassen, um noch rechtzeitig meinen Buben abholen zu können, es sei denn, meine guten Feen Isa & Tina haben Zeit

-) Firmenreisen müssen geplant sein und ohne Isa & Tina wäre es so gut wie nicht möglich und jedes Mal Hund abgeben ist gepaart mit schlechten Gewissen gegenüber meinen Feen, dessen Hund es ja nicht ist

Sansli ist auf Menschen fixiert und die Höchststrafe wäre für ihn, im Hort übernachten zu müssen.

+) Im Hundehort wartet bei Bedarf ein Gintonic auf mich. Ein kleines Trostpflaster, dass After Work Drinks mit Kollegen eigentlich nicht möglich sind, weil ich Bub holen muss

Fazit Arbeit & Hund: Um ganz ehrlich zu sein, gerade in den stressigen Zeiten bringt es mich an meine Grenzen, alleinerziehende Hundemama zu sein. Manchmal tut es aber gut, durch Sansli einfach zu arbeiten aufhören zu müssen und die abendlichen Spaziergänge braucht nicht nur er 😉

Welche Erkenntnisse ich im letzten Jahr noch gewonnen habe bzw wie sich mein Leben geändert hat:

-) meine ausstehende Knieoperation denke ich nicht einmal theoretisch an, weil es mir (noch?) an Ideen fehlt, was ich während OP & Reha mit meinem Bub mache

-) mein geliebtes Urlauben/ Vereisen, Unabhängig sein, ist nicht mehr möglich
+) Mein nahes Umfeld willkommt mich auch mit Hund herzlich; selbst Übernachtungen gemeinsam sind ok

+) der Kleinkrieg mit meinem Hund um’s Einsteigen in’s Auto ist von mir gewonnen und wir akzeptieren das neue Auto und selbst die Hundebox

+) Abrichten funktioniert – von Zeit zu Zeit – auch wenn wir manchmal dastehen, als hätten wir Befehle wie Platz, Bleib noch NIEEEEEE gehört. Fuß ist überhaupt nicht unsere Disziplin und wir machen alles nur, um mir eine Freude zu machen – denn interessieren tut es Sansli eigentlich Nüsse. Aber an guten Tagen sind wir bereit fit für unsere nächste Prüfung – BGH1 (ja: mein Türke hat bereits ein österreichisches Leistungsheft *stolzbin*)

+) Sansli ist ein ausgesprochener braver Wohnungshund. Bleibt souverän alleine und bellt nur, wenn „notwendig“ (zumindest zu Hause. Wird er woanders – wie Hort oder bei Freunden – „weggesperrt“, kann er beharrlich für Stunden durch-bellen). Couch und Bett sind tabu ohne das jemals ausdiskutiert zu haben. Er zerlegt nichts, außer seine zugewiesene Stofftiere

-) Wohnung ist sein Revier und jeder Besuch ist immer wieder eine Gratwanderung. Mein Schlafzimmer ist das Allerheiligste und obwohl er dort nicht schläft oder sich aufhält, dort hat niemand zu sein, außer ich. Selbst wenn ich „nur“ telefoniere, wird der ganze Raum abgesucht, ob jemand unerlaubterweise in die heilige Halle vorgedrungen ist

-) Veränderungen bringen uns an die Grenzen: sei es Dunkelheit, Zäune, Männer, Hundebegegnungen an der Leine, unsichere Hunde, unsichere Menschen: DRAMA: seine Unsicherheit potenziert sich bei gefühlter Unsicherheit. Er agiert und solchen Situation recht schnell und meist nicht recht weise. Dates finden daher nie bei mir daheim und nicht mit Hund statt

-) funktionieren Dinge, wie frei laufen, abrufen selbst über einen langen Zeitraum und ich wäge mich in Sicherheit – der Hund kommt auf ganz lustige Ideen und wir fangen wieder von vorne an

+) ich lese den Hund wie ein offenes Buch und in den meisten Fällen akzeptiert er mich als Chef. Ich darf alles mit ihm machen. Wenn er sich in Enge getrieben fühlt, schnappt er recht schnell – aber er sieht zu 100% bei mir davon ab

-) ich besitze wohl den einzigen Hund, der nur von Küchenresten und Abfällen die ersten Jahre seines Lebens gelebt hat, aber dessen Darm, Magen und Verdauung sooo sensibel & kaputt sind, dass nur Spezialfutter gereicht werden kann

+) Kuscheln ist unsere Paradedisziplin. Er umarmt mich und kuschelt sehr menschlich mit mir. In für ihn neuen, ihn verunsichernden Situationen, ist er total fixiert auf mich und vertraut mir meist. Sehr rührend

-) bei jedem Wetter, egal ob krank, der Hund muss raus
+) ich bin fitter denn je
-) es ist abzusehen, dass Sansli’s kaputtes Fusserl uns große Schwierigkeiten bereiten wird

+) 100% Loyalität, Vertrauen und Liebe. Kein Nachtragen, kein tagelanges Spinnen, kein Ignorieren, keine Kleinkriege, keine Psychospielchen
+) selbst nach einem Jahr begrüßt mich Sansli voller Freude egal von wo, egal von wem ich ihn abhole

Manchmal frage ich mich schon sehr, ob ich dem Hund einen Gefallen getan habe, ihn von der Türkei wegzuholen. Aber wenn ich mir dann ansehe, wie viel Liebe und Kuscheleinheiten er braucht – ja, ich denke, er akzeptiert lieber all die Regeln, die das österreichische Leben mit sich bringen, als einfach nur in einer Firma – ohne menschlichen/ meinen Zuspruch – anwesend zu sein.

+) mir geht mein Herzerl über, selbst wenn ich ihm nur beim Schlafen zusehe

Highlights & Lowlights:

  • Sansli beschließt doch lieber Zuhause zu sein als von irgendjemanden betreut zu werden, und tritt seinen Heimweg quer durch Urfahr alleine an, obwohl er den Weg nur vom Auto kennt
  • Jagdtrieb nach fast einem Jahr entdecken und voller Freude mir ein Huhn bringen
  • Trotz chemischer Kastration sich soooo zu verlieben, dass Sansli (physisch) kastriert werden musste, weil er weder essen, noch schlafen noch sonst irgendwas konnte
  • Trotz Kastration aufgrund einer trächtigen Spielgefährtin zu glauben, selbst Vater zu sein und einen Ball als Kind zu adoptieren.

Fazit: wie der Herr so das Gescherr
Wir sind beide total ungeduldig
Wir sind beide total liebesbedürftig
Wir können beide total spinnen
Wir sind im Grunde sehr, sehr faul
Wir sind stur, vor allem wenn wir unter Druck geraten
Wir können uns ein Leben ohne einander nur mehr schwer vorstellen

1 thought on “Ein Jahr Lebensgemeinschaft

  1. Jeder bekommt das, was er sich verdient :-)))))

    Wünschen dir noch viele glückliche Jahre mit deinem „Beute“-Türken

    Bussal

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